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"Auf Liebe eingestellt, verkörpert Lilo Wanders von Kopf bis Fuß einen Frauentyp, den es eigentlich nicht mehr gibt: Die Femme fatale. Rührend altmodisch ihre Lanzen, die sie für Liebe und Beischlaf brach und gegen Tabus, die keine mehr sind. Mit Hüftschwung, Herz und Anzüglichkeiten rannte Wanders Türen ein, die sie selbst geöffnet hat. Denn bekannt geworden ist die über das Fernsehen (Wa(h)re Liebe), wo Erotik oder Intimität in unzähligen Talkshows von unzähligen Fünfminutenberühmtheiten bereitwillig totgeredet wird. Zwischen Zigarettenzügen zelebrierte Wanders sich als Liebesüberlebende - mit mütterlichem Sexappeal, Herz und Seele plauderte sie sich durch Diäten, Partnersuche und Enthaltsamkeit ("macht Pickel")."
Stimmt nicht und ist doch wahr - Lilo Wanders als Evelyn Künneke in Berlin Wie sehr ihn Künneke geprägt hat, ist jetzt in seinem anrührend amüsanten Monolog "Die Mythomanin" im Hansa Theater zu verfolgen; die Hommage in der Regie von Birgitta Linde wurde aus Bremen übernommen, wo vor einigen Tagen die Uraufführung stattfand. Zu Anfang thront die Diva auf einem weinroten Sofa und beantwortet die Fragen eines unsichtbaren Journalisten - nicht. Stattdessen nörgelt und nölt sie, ist "etwas verrückt" und ziemlich gehässig - "Elke Sommer? Nie gehört!" Aber dann stöckelt sie ans Mikrofon, bringt die alten Knochen zum Swingen und hat von "Sing, Nachtigall, sing" bis zu "Winke, winke" alle Hits samt selbstironischen Zwischen- und schlüpfrigen Untertönen im kleinen, rot lackierten Finger. Ernie Reinhardt ist mit blonder Perücke, getönter Brille, Federboa und Kittelschürze dem Original verblüffend ähnlich. Er drückt den Rücken durch, die Brust heraus und stakst, wegen Künnekes künstlichem Hüftgelenk, vorsichtig über die Bühne. Die Musik kommt vom Tonband, die Zitate aus autobiographischen Quellen. Die Mythen natürlich ebenso, denn zwischen Dichtung und Wahrheit sah die Künneke kaum Unterschiede. Ihre Erinnerungen? Wie Liebeserklärungen, "die stimmen auch nie, und sind irgendwie doch wahr." Später lässt Reinhardt sie den Polsterpanzer ablegen und als schmale Lilo Wanders weiterleben. Den Übergang von der einen in die andere Erscheinungsform markiert eines der schönsten Lieder der französischen Chansonniere Barbara, "Die Einsamkeit". Hinter allen Rollen steckt ein Schmerz, den jedoch weder die schrille Matrone noch die reizende Sexberaterin je zugeben würden: Großstadtindianerinnen machen Witze, nicht schlapp."
Flunkernde Festung - Ambivalente Faszination in der Schwankhalle: Lilo Wanders verkörpert Evelyn Künneke in "Die Mythomanin"
Die Diva von der traurigen Gestalt - Lilo Wanders als "Mythomanin" von Sigrid Schuer Lilo Wanders vermag die Gebrochenheit und Einsamkeit der maskenhaft lächelnden Künneke nachvollziehbar zu machen, die sie stets mit ihrer großspurigen Berliner Kodderschnauze zu kaschieren versuchte. […] Reinhardt führt, mal in die Rolle der Lilo Wanders, dann wieder in die Rolle von Evelyn Künneke schlüpfend, ein doppelt autobiografisches Interview im fliegenden Wechsel mit sich selbst. Wobei die Lügengebäude der Baroness Münchhausen immer haarsträubendere und skurrilere Formen annehmen. Während des ganzen Abends vermischen sich Fiktion und Wirklichkeit zunehmend, so dass das amüsierte Publikum schon bald nicht mehr zu unterscheiden vermag, was wahr ist und was nicht. So bleibt die deutsche Jane Mansfield bis zuletzt, was Lilo Wanders in ihr sieht, eine Mythomanin, die nichts bereut und für die die Erschaffung immer neuer Illusionen überlebenswichtig ist."
Lilo Wanders in "Der Graue Engel" "[…] irgendwann verschwindet Lilo Wanders hinter ihrer Rolle und man fragt sich, wer eigentlich sonst das spielen könnte. Das Publikum ist begeistert, minutenlanger Beifall." "Wanders läuft im Theater zu größerer Form auf: Das sprachvirtuose Erstlingsstück des jungen Dramatikers Moritz Rinke ist ihr wie auf den Leib geschrieben. Tief traurig und mit hoher Komik spricht und spielt die Wanders den beklemmend witzigen Monolog." "Der Text beginnt zu leuchten. Wie im TV vermittelt Lilo Wanders niemals auch nur den Hauch einer Travestieschau: die gegen ihr Schicksal antrotzende Diva besitzt Geistesverwandte in den schroffen, vernichtend urteilenden Grantlern eines Thomas Bernhard." "Lilo Wanders liebt die ramponierte, die akkurate, die solide Marlene Dietrich. Sie lässt sich wohlig - und mit Sinn für die Komik der Situationen - im Bewusstseinsstrom der Dietrich treiben, montiert die nicht immer logischen Gedankengänge und entfaltet mit Wonne die Strumpfbandphilosophie der gebürtigen Berlinerin." "Wie an einem Korsett hält sich Lilo Wanders an diesem Musterbeispiel der Disziplin fest, nur dass dann aus der Sprachspielerei ein Mittel der Entmystifikation wird. Nicht um den Abschied und das ewige Geheimnis der Kultfigur Dietrich geht es, sondern um das Geheimnis ihres Erfolgs. Der graue Engel in Gestalt von Lilo Wanders führt vor, wie man einen Star erschafft, nicht wie er verlöscht." "Wenn Wanders als Marlene die Bühne betritt, entsteht so etwas wie potenzierte Künstlichkeit, die Travestie der Travestie, und dadurch paradoxerweise wiederum ein überaus transparentes Porträt der Künstlerin als alternde Diva. Das ist so komisch wie traurig, so anrührend wie schlichtweg tragisch. Lilo Wanders gelingt es, die Dietrich als Wortmaschine und leidenden Menschen zu spielen. Natürlich ist immer auch ein wenig Cabaret dabei, ein augenzwinkerndes Spiel mit Geschlecht und Rolle. Doch ebendies macht aus "Der graue Engel" eine überaus amüsante Theaterstunde. Kurz und gut."
Kunst der Selbstfindung Irgendwann einmal hat sich Lilo Wanders, die Figur, die als Parodie auf Evelyn Künneke begann, verselbständigt. Und heute sitzt sie da und ist eins geworden mit ihrem Erfinder, über den sich die Leute den Kopf zerbrechen und der nicht gerne namentlich genannt werden will, wenn er als Lilo spricht. "Niemand ist authentisch, wenn er in die Öffentlichkeit geht", sagt Lilo Wanders. Und deshalb ist sie eben so, wie sie ist, die Dame, die im Privatfernsehen die Sendung "Wa(h)re Liebe" moderiert, Theater spielt und Chansons singt: "Lilo Wanders ist so wahrhaftig, wie ein Mensch nur sein kann", sagt ihr zweites Ich über sie. Nun gastiert die Wanders als Schauspielerin im Frankfurter Mouson-Turm. Wer einmal begriffen habe, dass Inszenierungen, gleich welcher Art, etwas Geheimnisvolles in sich bergen, dürfte mit der Wanders keine Schwierigkeiten haben, findet sie selbst. Sie ist eben eine interessante Person. Daß sie erfunden ist, weiß sie zwar, oder ihr zweites Ich weiß es, und deshalb wird auch nicht lange diskutiert, wer hier wer ist, wer Mann und wer Frau: "Lilo Wanders hat keine Ahnung, dass sie nicht existiert - aber das geht ja den meisten Leuten so." Also auch Marlene Dietrich, die überdeutlich aus Moritz Rinkes Stück "Der graue Engel" herausschaut. Lilo Wanders spielt in der Inszenierung von Birgitta Linde diesen grauen Engel, eine einsame alte Frau, die von Erinnerungen heimgesucht wird und eine Grandezza spielt, die ihr längst keiner mehr glaubt. Lilo Wanders hat sich seit langem mit dem Leben der Dietrich auseinandergesetzt, auch von ihr gelernt: "Als ich jung war, habe ich mich vielleicht faszinieren lassen von der Aura der scheinbaren Autarkie, der absoluten Unabhängigkeit. Aber Königin ist man nur, wenn die anderen es sagen." Daß die Dietrich sich in der Einsamkeit ihrer letzten Jahre "Über alles gefreut" habe, hat Lilo Wanders selbst erlebt: Einmal hat sie ihr ein Fresspaket mit den von der Dietrich so sehr geliebten deutschen Spezialitäten geschickt und ein Foto mit Widmung zurückbekommen. Wirklich verehrt habe sie die Dietrich jedoch nie: "Aber ich habe mich sehr intensiv mit der Person beschäftigt. Ich habe nie jemanden blindlings verehrt, aber immer Respekt gezollt, wenn jemand sich selbst erfindet. Von der Stilisierung, dem Wissen über Beleuchtung zum Beispiel, habe ich mir viel abgesehen. Was ich abstoßend finde, ist dieses Devote der Dietrich, immer darauf hinzuweisen, dass sie das Produkt von ganz vielen Leuten ist, zum Beispiel bei den Chansonabenden mit Burt Bacharach. Das sind Verhaltensweisen, die ich ganz fürchterlich finde." Auch dass Marlene Dietrich ihr ganzes Leben und Verhalten nur dem Bestreben untergeordnet habe, dass "die Dietrich" existieren könne, empfinde sie als "tragisch" und "ziemlich gestört". Daß Lilo Wanders eine Schauspielerin ist, die von der Bühne kommt und in Hamburg lange Zeit in der freien Szene zu sehen war, scheint häufig unterzugehen zugunsten der "Schmuddelecke" ihres Erotikmagazins, das von vielen jedoch gerade wegen seiner ironischen Distanziertheit geschätzt wird: "Ich muß mich geradezu rechtfertigen, dass ich spiele." Doch im vergangenen Sommer hat das eine Ich, oder auch das andere, beschlossen, "ein bisschen meine Bandbreite auszutesten". Ensemblefähig zu sein, Theater zu spielen sei wieder eine Herausforderung gewesen. Nach einigen anderen Erfahrungen spiele sie nun einen fremden, qualitativ hochwertigen Text, arbeite mit der Regisseurin Birgitta Lind und dem Musiker Hubert Machnik zusammen - auch dies eine positive Erfahrung: "Das ist ein Input, den ich vorher überhaupt nicht kannte". Zu Anfang allerdings habe sie Machniks Musik eher für "Geräusche" gehalten doch nun schätze sie die Textbezogenheit seiner "sehr kunstfertigen" Musik. Die ungeheure Textmenge, die sie lernen musste, habe sie des öfteren an den Rand einer Krise geführt: "Es ist aber eine Art von Magie: Man steht vor einem Text und denkt, man schafft es nicht, und dann geht es doch. Wenn der Prozeß des Texterarbeitens dann abgeschlossen ist, ist das sehr beglückend." Auf ihre Fernseharbeit will sie sich nicht beschränken lassen: "Da würde ich ja mein Leben ganz arm machen. Ich komme halt vom Theater und der Kleinkunstbühne" - was für Lilo Wanders und ihr anderes Ich gleichermaßen gilt. Das sagt sie denn auch: "Ich empfinde das nicht als doppelten Salto, wenn ich in eine Rolle hineinspringen muß, um dann eine andere Rolle zu spielen." Für Wanders ist es also auch keine Kunstfigur, die die Kunstfigur Marlene Dietrich spielt, sondern "Ich" - wer immer das ist - , "ohne sich zu verbiegen". Schließlich erzähle ja der Text alles. "Meine Versuchung ist oft, die Tragik auszuspielen. Aber Birgitta Linde sieht, dass die Tragik darin besteht, dass die Figur überhaupt kein Bewusstsein darüber hat, wie jämmerlich sie eigentlich ist", sagt die Wanders. "Und das macht das Stück sehr witzig - und sehr böse."
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